Polizei und AfD: Was Studien zeigen
- Eine vom Bundesinnenministerium geförderte Studie (Megavo, 2024) ergab, dass 42 Prozent der befragten Polizisten Asylsuchenden gegenüber ablehnend eingestellt sind.
- Polizeigewerkschaftschef Teggatz und Wahlforscher Binkert sehen tägliche Migrationserfahrungen im Dienst – nicht Besoldungsunzufriedenheit – als Hauptgrund für AfD-Sympathien.
- Hochschulprofessor Schönbohm widerspricht der These einer besonderen AfD-Affinität in Sicherheitsbehörden und verweist auf ein professionelles Selbstverständnis der Beamten.
Sind Deutschlands Polizistinnen und Polizisten überproportional häufig Anhänger der AfD? Die These kursiert seit Jahren, belastbare repräsentative Erhebungen fehlen jedoch weitgehend. Zuletzt soll sich Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) intern besorgt geäußert haben, seine Partei verliere bei der Polizei "gerade massiv an die AfD" – unter anderem wegen Unzufriedenheit mit Besoldungsnachzahlungen. Experten halten diese Erklärung allerdings für unvollständig.
Berufsalltag als entscheidender Faktor
Heiko Teggatz, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, nennt einen anderen Hauptgrund: "Polizisten haben nahezu täglich mit der Kriminalität auf der Straße zu tun und erleben die zunehmende Gewaltbereitschaft am eigenen Leib." Oft reichten die gesetzlichen Befugnisse nicht aus, um Straftaten wirkungsvoll zu bekämpfen. Folglich, so Teggatz, legten Polizisten ihren politischen Fokus auf Innenpolitik und Migration – genau jene Themenfelder, die zum Kern der AfD-Agenda gehören. Debatten rund um die Polizeigewerkschaft und politische Einflüsse sind dabei kein neues Phänomen, wie etwa der Fall GdP-Vize Hüber zeigt.
Forschungsbefunde: Migration als stärkster Prädiktor
Wahlforscher Hermann Binkert (INSA) erklärt den Zusammenhang strukturell: Je präsenter Migrationsprobleme im Bewusstsein der Wählerinnen und Wähler seien, desto mehr profitiere die AfD – und der Partei werde auf diesem Feld eine hohe Kompetenz zugeschrieben. Eine Studie der Universität des Saarlandes stützt diese Einschätzung: Je stärker Menschen Besorgnis über Migration äußerten, desto wahrscheinlicher sei ihre Unterstützung für die AfD – und dieser Zusammenhang bleibe auch dann stark, wenn wirtschaftliche und soziale Benachteiligung statistisch berücksichtigt werde.
Der Politikwissenschaftler Werner Patzelt (früher TU Dresden) ergänzt: Demoskopisch zeige sich, dass Polizisten im Durchschnitt etwas weiter rechts verortet würden als die übrige Bevölkerung, da sie "öfter als andere Berufsgruppen mit üblen Folgen von Deutschlands Migrationspolitik konfrontiert" seien. Diese Konfrontation habe "sehr viel zum Aufstieg der AfD beigetragen".
Eine vom Bundesinnenministerium geförderte Studie (Megavo, 2024) liefert einen der wenigen konkreten Messwerte: 42 Prozent der befragten Polizistinnen und Polizisten stimmten der Aussage zu, Asylsuchenden gegenüber ablehnend eingestellt zu sein; weitere 37 Prozent beschrieben ihre Haltung als ambivalent.
Widerspruch aus Wissenschaft und Praxis
Die These "Blaulicht wählt blau" wird von anderen Stimmen relativiert. Arne Schönbohm, Hochschulprofessor und Präsident der Bundesakademie für öffentliche Verwaltung, sagt, er könne das Bild einer besonderen AfD-Affinität in den Sicherheitsbehörden aus seiner Zusammenarbeit mit Polizei, Nachrichtendiensten und Polizeigewerkschaften nicht bestätigen. Er erlebe "vielmehr ein ausgeprägtes professionelles Selbstverständnis und eine kritische Distanz gegenüber politischem Extremismus". Manuel Ostermann von der Bundespolizei-Gewerkschaft betont, die Beschäftigten schätzten vor allem jene politischen Kräfte, die ihre Arbeit respektierten und ihre Interessen ernstnähmen.
In der Summe deutet die verfügbare Datenlage darauf hin, dass migrationspolitische Einstellungen – nicht Besoldungsunzufriedenheit – der stärkste Erklärungsfaktor für eine erhöhte AfD-Sympathie in Teilen der Polizei sind. Ob dies tatsächlich zu einer Mehrheitsströmung führt, lässt sich mangels belastbarer Gesamterhebungen nicht abschließend beurteilen.
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