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Kultur und Kunst 3 min read 1h ago

Abu Hamdan: Kunst und Klangbeweise

  • Lawrence Abu Hamdan, Turner-Preisträger 2019 und Künstler an der Venedig Biennale, leitet die 2023 gegründete NGO Earshot, die Menschenrechtsverletzungen mit Klangbeweisen
  • Earshot analysiert mutmaßliche Schüsse auf Sanitäter in Gaza und prüft, ob bei einer Mahnwache in Belgrad eine Schallwaffe eingesetzt wurde – beide Fälle sind noch nicht
  • Die methodischen Grundlagen entwickelte Abu Hamdan 2016 mit Forensic Architecture für Amnesty International, als er Überlebende des syrischen Gefängnisses Sednaya zu ihren
Abu Hamdan: Kunst und Klangbeweise
Abu Hamdan: Kunst und Klangbeweise

Lawrence Abu Hamdan führt zwei Leben. Der libanesisch-britische Künstler gewann 2019 gemeinsam mit anderen den Turner Prize, eine der renommiertesten Auszeichnungen der britischen Gegenwartskunst, und ist derzeit mit einer Arbeit an der Venedig Biennale vertreten. Zugleich leitet er Earshot, eine 2023 gegründete NGO, die Menschenrechtsverletzungen mit akustischen Methoden dokumentiert.

Klang als Beweismittel

Die Arbeit von Earshot bewegt sich an der Grenze zwischen wissenschaftlicher Analyse und juristisch verwertbarer Dokumentation. Das Team untersucht nach Angaben Abu Hamdans unter anderem, aus welcher Richtung und Position israelische Soldaten in Gaza auf Sanitäter geschossen haben sollen. In Belgrad analysiert Earshot Hinweise darauf, dass bei der Auflösung einer Mahnwache eine Schallwaffe eingesetzt worden sein könnte. Beide Fälle gelten bislang als nicht abschließend geklärt; die mögliche Beteiligung eines Schallwaffeneinsatzes in Belgrad bezeichnet Abu Hamdan selbst als wahrscheinlich, nicht als erwiesen.

Wurzeln in Sednaya

Die methodische Grundlage für diese Ermittlungsarbeit legte Abu Hamdan 2016 im Auftrag von Amnesty International, gemeinsam mit der Londoner Forschungsagentur Forensic Architecture. Damals befragte er Überlebende des syrischen Gefängnisses Sednaya – eine Einrichtung, in der Gefangene in vollständiger Dunkelheit und erzwungener Stille gehalten wurden. Wer einen Laut von sich gab, riskierte sein Leben. Das Hören war unter diesen Umständen zugleich die einzige Informationsquelle der Häftlinge und ein Mittel des Überlebens und des Widerstands. Ihre präzisen akustischen Erinnerungen – an Schreie, Schlüsselgeräusche, Schritte – bildeten das Rohmaterial für Abu Hamdans Rekonstruktionsarbeit.

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Kunst und Aktivismus als untrennbares Projekt

Abu Hamdan beschreibt seine künstlerische und seine investigative Tätigkeit als zwei Seiten desselben Vorhabens. Die Frage, wie Klang als Zeugnis funktioniert – wer etwas hört, wer gehört wird, wer Gehör findet –, durchzieht sein gesamtes Werk. Dass ein Turner-Preisträger zugleich eine Menschenrechtsorganisation leitet, die in aktive Konfliktzonen ermittelt, ist innerhalb der europäischen Kunstwelt ein Einzelfall. Die gesellschaftliche Reichweite seiner Methode reicht damit weit über den Ausstellungsraum hinaus – ähnlich wie in anderen Fällen, in denen Kultur und Menschenrechtsdokumentation ineinandergreifen.

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