XMPP: 25 Jahre offener
- XMPP (Jabber) existiert seit über 25 Jahren als offener, dezentraler Messaging-Standard und wird von der XMPP Standards Foundation über unabhängige Erweiterungen (XEPs)
- Dienste wie Signal und Matrix gelten als geschlossene Systeme ohne strukturelle Ausfallsicherung; Matrix steht zudem im Verdacht, faktisch von einem einzigen Unternehmen (Element)
- Die Analyse fordert, digitale Kommunikation als regulierungsbedürftige Infrastruktur zu behandeln und auf echte offene Standards statt auf einzelherstellergesteuerte Protokolle zu
Vor mehr als einem Vierteljahrhundert entstand Jabber – heute bekannt als das Extensible Messaging and Presence Protocol (XMPP) – als offener Standard für digitale Kommunikation. Während Plattformen wie Signal, WhatsApp und Matrix die öffentliche Debatte über sichere Kommunikation dominieren, stellt sich eine grundsätzlichere Frage: Behandeln wir digitale Kommunikation überhaupt als das, was sie ist – Infrastruktur?
Infrastruktur ohne Eigentümer
Straßen, Wasserversorgung und Stromnetze gelten selbstverständlich als Infrastruktur, die im kollektiven Interesse betrieben werden muss. Für digitale Kommunikationsdienste galt dieser Maßstab in Europa lange nicht. Die implizite Annahme, amerikanische Konzerne seien Teil eines gemeinsamen "Wir", habe sich spätestens unter der aktuellen US-Regierung als unhaltbar erwiesen, heißt es in der Analyse. Damit rückt die Forderung nach kollektivem Eigentum an digitaler Infrastruktur – statt des bloßen Austauschs amerikanischer gegen europäische Konzerne – in den Vordergrund.
Offene Standards gelten dabei als entscheidender Mechanismus: So wie ein Rechenzentrumsbetreiber Server, Switches und Router von verschiedenen Herstellern beziehen kann, ohne vom Wohlwollen eines einzigen Anbieters abhängig zu sein, soll Interoperabilität auch bei Kommunikationsdiensten strukturell verankert sein.
XMPP und das Problem der geschlossenen Gärten
Dienste wie Signal, Wire und Threema werden im Bereich Datenschutz häufig als Alternativen zu Big-Tech-Produkten gelobt. Gleichwohl betreiben sie sogenannte Walled Gardens: Nutzerinnen und Nutzer können nicht zwischen diesen Plattformen kommunizieren, und ein Serverausfall oder ein Rückzug aus dem EU-Markt wäre für alle Nutzer gleichzeitig folgenreich. Dass Signal seinen Serverdienst auf der Amazon Web Services-Infrastruktur betreibt und seine Führungskraft mit knapp einer Million US-Dollar jährlich vergütet, wird in der Analyse als zumindest diskussionswürdig eingestuft – ohne dass dem Dienst ein grundlegendes Fehlverhalten vorgeworfen wird. Entscheidend sei, dass kein struktureller Schutz für den Fall bestehe, dass es jemals dazu komme.
Quelloffene Software allein löse dieses Problem nicht. Sie könne zwar Spionagefunktionen ausschließen und die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung prüfbar machen, schütze aber nicht vor einem Abschalten der zentralen Server.
Der Unterschied zwischen offener API und offenem Standard
Eine wichtige Unterscheidung betrifft das Verhältnis zwischen einer offenen Programmierschnittstelle (API) und einem echten offenen Standard. Element – früher unter den Namen Riot und NewVector bekannt – entwickelt das Matrix-Protokoll und veröffentlicht dessen API. Schlüsselpositionen in der Matrix Foundation werden dem Bericht zufolge überwiegend von aktuellen und ehemaligen Element-Mitarbeitenden besetzt; externe Beiträge zur Spezifikation seien notorisch schwer durchzusetzen. Der Betrieb der Matrix-Referenzimplementierung gilt als ressourcenintensiv, was Selbst-Hosting für kleinere Organisationen erschwert. Element verkauft zudem quellgeschlossene Plug-ins zur Leistungssteigerung.
Dem steht das JMAP-Protokoll gegenüber: Es entstand zunächst beim E-Mail-Dienst Fastmail, wurde dann in die Hände der IETF gegeben und hat mittlerweile mehrere unabhängige Serverimplementierungen hervorgebracht. Jabber selbst folgte einem ähnlichen Weg – von einem Open-Source-Community-Projekt zum IETF-Standard XMPP. Genau diese Einbettung in eine unabhängige Standardisierungsorganisation unterscheide echte offene Standards von einem Protokoll unter der Kontrolle eines einzelnen Unternehmens.
XMPP: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft
Die ursprüngliche RFC für XMPP datiert auf Oktober 2004; eine überarbeitete Fassung (RFC 6120) erschien im März 2011. Das X in XMPP steht für "Extensible" – Erweiterbarkeit. Ergänzungen zum Protokoll heißen XMPP Extension Protocols (XEPs) und werden von der XMPP Standards Foundation (XSF) verwaltet, die selbst keine Erweiterungen schreibt, sondern als Rahmen für Entwicklerinnen und Entwickler dient.
Die Anpassung an neue Anforderungen verlief nicht immer reibungslos. XEP-0198, entscheidend für störungsfreie Kommunikation auf Mobilgeräten, wurde 2009 fertiggestellt, aber erst zwischen 2014 und 2015 breit implementiert – Jahre nach Erscheinen des iPhones (2007) und des ersten kommerziellen Android-Smartphones (2008). OMEMO, die XMPP-Spezifikation für Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, gewann ab 2016 an Verbreitung, drei Jahre nachdem die Enthüllungen Edward Snowdens das Bewusstsein für Verschlüsselungsbedarf geschärft hatten.
Moderne Clients wie Dino (Linux) und Conversations (Android) bieten nach Einschätzung der Analyse inzwischen einen Funktionsumfang, der mit proprietären Alternativen vergleichbar ist – darunter Emoji-Reaktionen, geräteübergreifende Lese-Synchronisierung und Zeitzonenhinweise. In Entwicklung befinden sich derzeit Funktionen für Nachrichtenantworten, mehrteilige Bildgalerien und OAuth-Unterstützung; entsprechende experimentelle XEPs existieren bereits. Die Community diskutiert zudem eine Rückkehr zur IETF unter dem Namen "XMPP 2.0".
Strukturelle Relevanz in einer veränderten Welt
Eine veränderte geopolitische Lage und wachsende Skepsis gegenüber der Marktmacht großer Technologiekonzerne verstärken den Ruf nach digitaler Souveränität – auch in der breiteren Debatte über die Regulierung digitaler Infrastruktur. Die Analyse warnt jedoch davor, dabei erneut in die Falle zu tappen und proprietäre Plattformen – diesmal europäischer Herkunft – als Lösung zu akzeptieren. Europäische Behörden, die im Zuge ihrer Digitalsouveränitätsstrategie auf Matrix-basierte Systeme setzen, verwechselten einen offenen Quellcode mit einem offenen Standard. Nur Protokolle, die in unabhängigen Standardisierungsorganisationen entwickelt, von mehreren unabhängigen Implementierungen unterstützt und im Prinzip selbst gehostet werden können, erfüllten die Anforderungen, die wir an jede andere kritische Infrastruktur stellten. XMPP, so das Fazit, existiert seit über 25 Jahren und könnte genau diese Rolle übernehmen – sofern Europa sie ihm zugesteht.
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