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Schach-Renaissance: Warum das alte Spiel mehr Menschen denn je fesselt

  • Chess.com meldet über 250 Millionen Nutzerkonten; zusammen mit anderen Plattformen spielen weltweit Dutzende Millionen Menschen monatlich Schach online.
  • Spanien verabschiedete 2015 einstimmig einen Parlamentsbeschluss zur schulischen Einführung von Schach und ist führend beim therapeutischen Einsatz des Spiels.
  • Die unbewiesenen Betrugsvorwürfe Magnus Carlsens gegen Hans Niemann sowie das politische Schicksal von Garry Kasparov und Anatoly Karpov zeigen die politische und
Schach-Renaissance: Warum das alte Spiel mehr Menschen denn je fesselt
Schach-Renaissance: Warum das alte Spiel mehr Menschen denn je fesselt

Während Aufmerksamkeitsspannen schrumpfen und ein 30-sekündiges Video manchem bereits zu lang erscheint, erlebt Schach einen bemerkenswerten Aufschwung: Mehr Menschen spielen das Spiel heute als je zuvor, und die Plattform Chess.com vermeldet über 250 Millionen registrierte Nutzerkonten. Zählt man aktive Spielerinnen und Spieler – also jene, die mindestens einmal im Monat eine Partie absolvieren – und bezieht weitere Plattformen wie Lichess und Play Chess ein, bewegt man sich im Bereich von Dutzenden Millionen monatlich.

Vom Mittelalter in die digitale Gegenwart

Schach hat über 1.500 Jahre dokumentierte Geschichte. Persien diente als Brücke zwischen dem Indien des sechsten Jahrhunderts und dem Hof von Bagdad im siebten Jahrhundert. Die Araber brachten das Spiel nach al-Andalus, wo es sich rasch auf der Iberischen Halbinsel verbreitete. König Alfons X. von Kastilien hielt 1283 in seinem Buch der Spiele fest, dass Muslime, Juden und Christen, Männer, Frauen und Kinder gleichermaßen Schach spielten. Um 1475, wahrscheinlich in Valencia, wurde die Dame zur stärksten Figur auf dem Brett – eine Regeländerung, die die moderne Schachgeschichte prägte. Der spanische Geistliche Ruy López gilt als erster inoffizieller Weltmeister in der Mitte des 16. Jahrhunderts.

Institutionelles Gewicht und globale Reichweite

Der Weltschachverband FIDE zählt 203 Mitgliedsföderationen – mehr als jeder andere internationale Sportverband, mit Ausnahme der Dachverbände für Fußball, Leichtathletik und Basketball. Der Boom wurde durch die Pandemie und den weltweiten Erfolg der Netflix-Serie The Queen's Gambit erheblich beschleunigt. Netflix folgte mit zwei weiteren schachthematischen Serien: Queen of Chess über Judit Polgár – die einzige Frau, die jemals unter den Top 10 der Weltrangliste geführt wurde – sowie Chess Mates, das sich mit den bislang unbewiesenen Betrugsvorwürfen Magnus Carlsens gegen Hans Niemann befasst.

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Prominente Fans und politische Dimensionen

Zu den bekennenden Schachspielern zählen Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez, Tennisprofi Carlos Alcaraz, Fußballer Erling Haaland und Unai Simón sowie Trainer wie Pep Guardiola und Ernesto Valverde. Das Spiel hat auch eine politische Dimension: Der frühere Weltmeister Garry Kasparov, der im Exil in New York lebt, gilt als erklärter Feind Wladimir Putins. Sein langjähriger Rivale Anatoly Karpov, Abgeordneter von Putins Partei, wurde kurz nach öffentlichem Widerspruch gegen den Einmarsch in die Ukraine bewusstlos auf einer Straße aufgefunden. Schach wurde im Laufe der Geschichte von der Spanischen Inquisition, der chinesischen Regierung in den letzten Jahren der Herrschaft Mao Zedongs, von Ayatollah Khomeini im Iran verboten – und wird heute von den Taliban in Afghanistan verboten.

Bildung, Therapie und künstliche Intelligenz

Spanien nimmt bei der schulischen und therapeutischen Nutzung des Schachspiels eine Vorreiterrolle ein. Ein einstimmiger Parlamentsbeschluss vom 11. Februar 2015 ebnete den Weg für den Einsatz von Schach als Bildungsinstrument. Die Region Extremadura setzt das Spiel gezielt in Programmen gegen kognitive Alterung, in der Gefängnisrehabilitation, bei Suchtbehandlung sowie bei ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen und dem Down-Syndrom ein. Wissenschaftliche Belege deuten darauf hin, dass Schach kognitive und emotionale Intelligenz fördert und den altersbedingten geistigen Abbau verlangsamen kann, möglicherweise auch den Beginn von Alzheimer. Die enge Verflechtung von Schach und künstlicher Intelligenz reicht von Alan Turings frühen Arbeiten im Jahr 1947 bis zum Nobelpreis für Chemie, den Demis Hassabis 2024 erhielt.

Ein Gegenmodell zur digitalen Zerstreuung

Die Zahl möglicher Schachpartien übersteigt die geschätzte Anzahl der Atome im bekannten Universum um ein Vielfaches. Ob Schach als kognitives Gegenmodell zur Kultur der Ablenkung und des unreflektierten Einsatzes von KI-Werkzeugen wie ChatGPT dauerhaft bestehen kann, bleibt offen. Dass das Interesse an dem Spiel Monat für Monat wächst – bei Turnieren wie auch online – ist jedoch belegt.

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