Öffentliche Toilette: Recht oder Ware?
- Paris verbot 1850 öffentliches Urinieren infolge von Choleraepidemien und installierte ornamentale, jedoch ausschließlich für Männer bestimmte Pissoirs.
- In den USA nutzten Temperenzaktivisten die Forderung nach öffentlichen Komfortstationen als Hebel gegen Saloons, doch der Bau kam mit der Prohibition zum Erliegen.
- Historiker Peter C. Baldwin beschreibt, wie körperliche Privatsphäre in amerikanischen Städten seither zur käuflichen Ware wurde statt zum staatlich garantierten Recht.
Warum gibt es in Großstädten wie New York oder Chicago kaum öffentlich zugängliche Toiletten? Die Antwort liegt nicht in der Gleichgültigkeit moderner Stadtplaner, sondern in einer langen Geschichte widerstreitender Interessen – eine Geschichte, die vom Paris des 19. Jahrhunderts bis zur amerikanischen Prohibitionsära reicht und bis heute nachwirkt.
Paris und das Pissoir: Infrastruktur als Reaktion auf eine Seuchenkrise
Mitten im 19. Jahrhundert veränderte eine Reihe verheerender Choleraepidemien den Blick auf menschliche Ausscheidungen: Sie galten fortan nicht mehr als bloße Unannehmlichkeit, sondern als Gefahr für die öffentliche Gesundheit. Paris reagierte zunächst mit sogenannten empeche pipi – eine frühe Form feindseliger Architektur, die unerwünschtes Urinieren durch Eisenspitzen oder eigens geformtes Mauerwerk verhindern sollte. Diese Maßnahmen verlagerten das Problem allenfalls; 1850 wurde öffentliches Urinieren schließlich gesetzlich verboten. Als Konsequenz entstanden die berühmten Pariser pissoirs, die trotz ihres zweifelhaften Geruchs architektonisch mitunter aufwendig gestaltet waren: mit eisernen Blumenornamenten, Muscheln, Schnörkeln und in einzelnen Fällen kleinen Löwenköpfen.
Die Anlagen waren ausschließlich für Männer vorgesehen. Die dahinterliegende Annahme – Frauen seien kaum Teil des öffentlichen Lebens und daher auf eine solche Infrastruktur nicht angewiesen – wirkte wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Der Ausschluss von Frauen aus dem öffentlichen Raum wurde so baulich zementiert.
Zweckentfremdung und Kontrolle
Fast unmittelbar nach ihrer Einrichtung wurden die pissoirs zu Treffpunkten für Männer, die gleichgeschlechtliche Begegnungen suchten – eine Nutzung, die ihre Erbauer nicht vorhergesehen hatten. Der Soziologe Andrew Israel Ross beschreibt in seiner Studie "Dirty Desire: The Uses and Misuses of Public Urinals in Nineteenth-Century Paris", wie die gebaute Umwelt der Kontrolle ihrer Planer entgleite: Die Bedeutung urbaner Infrastruktur entstehe in einem "ständig wechselnden Dialog" zwischen jenen, die sie entwerfen, und jenen, die sie nutzen. Die Polizei begann daraufhin, besonders frequentierte Anlagen zu patrouillieren; auch Erpresser machten sich die Situation zunutze, denn bereits das bloße Betreten eines pissoir konnte als Grundlage für eine Belästigungskampagne herhalten.
Amerika: Saloons, Temperenz und Komfortstationen
In den Vereinigten Staaten entwickelte sich die Frage der öffentlichen Toilette entlang einer anderen Konfliktlinie. Da es kaum öffentliche Alternativen gab, fungierten Saloons als das faktische Toilettennetz der meisten Großstädte. Wer seine Blase entleeren wollte, war damit regelmäßig dem Alkohol ausgesetzt. Historiker Peter C. Baldwin dokumentiert in "Public Privacy: Restrooms in American Cities, 1869–1932", wie die Temperenzbewegung den Bau öffentlicher Toilettenanlagen zu einer ihrer Prioritäten erhob. Ein Artikel der Chicago Tribune aus dem Jahr 1913, den Baldwin zitiert, brachte die Lage auf den Punkt: Man sei gezwungen, an Bierbar und Barkeeper vorbeizugehen – und ende am Ende doch damit, Geld für Alkohol auszugeben.
Die Antwort der Aktivistinnen und Aktivisten waren große, mehrstöckige unterirdische "Komfortstationen". Doch kaum waren diese in Betrieb, schlossen private Einrichtungen – Hotels, Restaurants, Geschäfte – ihre Toiletten für die Allgemeinheit: Wer zahlt oder konsumiert, darf; wer nicht zahlt, bleibt draußen. Mit der Prohibition verlangsamte sich der Bau öffentlicher Anlagen zusehends, und die wenigen bestehenden verfielen.
Körperpflege als käufliche Ware
Die großen unterirdischen Komfortstationen des frühen 20. Jahrhunderts existieren in den USA heute kaum noch. Stadtbewohnerinnen und -bewohner sind auf halbprivate Räume angewiesen – Hotels, Läden, Cafés. Die körperliche Privatsphäre ist zur Ware geworden: nicht ein staatlich verbrieftes Recht aller Bürgerinnen und Bürger, sondern das Ergebnis eines stillen Abkommens zwischen Individuum und Unternehmen, das laut Baldwin von sozialen Statusurteilen geprägt ist. Diese Geschichte – von der Seuchenprävention über die Temperenzbewegung bis zur schleichenden Kommerzialisierung – ist ein wesentlicher Teil der Erklärung dafür, warum es in amerikanischen Großstädten heute so wenige öffentliche Toiletten gibt.
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