GoFundMe: Wie eine Plattform zum sozialen Auffangnetz wurde
- GoFundMe-CEO Tim Cadogan zufolge haben mehr als ein Drittel aller amerikanischen Erwachsenen die Plattform genutzt; die Markenbekanntheit stieg seit 2020 von rund 35 auf etwa 70
- Medizinische Ausgaben sind in allen 20 Ländern, in denen GoFundMe operiert, die häufigste Spendenursache – ein Befund, den Cadogan als globales Versorgungsproblem wertet.
- Das Unternehmen finanziert sich ausschließlich über Zahlungsabwicklungsgebühren und freiwillige Nutzerbeiträge; im vergangenen Jahr verzichteten 15 bis 20 Millionen Spender auf
GoFundMe hat sich nach Angaben seines Geschäftsführers Tim Cadogan seit Beginn der Coronavirus-Pandemie von einer bekannten Spendenplattform zu einem strukturell bedeutsamen Bestandteil gesellschaftlicher Selbsthilfe entwickelt – und zwar nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern in allen 20 Ländern, in denen das Unternehmen tätig ist.
Pandemie als Wendepunkt
Cadogan trat sein Amt am 2. März 2020 an, knapp eine Woche bevor sich in den USA das Ausmaß der Pandemie abzeichnete. Innerhalb weniger Tage stellte das Unternehmen auf Fernarbeit um. Die ungestützte Markenbekanntheit von GoFundMe lag zu diesem Zeitpunkt bei etwa 35 Prozent; heute liegt sie nach eigenen Angaben bei rund 70 Prozent, die gestützte Bekanntheit im unteren 90-Prozent-Bereich. Mehr als ein Drittel aller amerikanischen Erwachsenen habe die Plattform inzwischen genutzt, so Cadogan.
Während der Pandemie entstanden zehntausende Spendenaktionen zugunsten von Restaurantmitarbeitern und anderen Beschäftigten, deren Betriebe vorübergehend schließen mussten. Das brachte das Unternehmen nach eigenen Angaben an operative Grenzen, da die Identitätsverifizierung für Unternehmen deutlich aufwendiger ist als für Privatpersonen.
Medizinische Kosten als größte Kategorie
Die beliebteste Spendenkategorie auf GoFundMe sind Cadogan zufolge medizinische Ausgaben – und dies nicht nur in den USA, sondern in jedem Markt, in dem die Plattform operiert. Er wertet dies als Hinweis darauf, dass Versorgungslücken im Gesundheitswesen ein globales Phänomen sind, das sich in der Nutzung der Plattform widerspiegelt. Damit wird GoFundMe nach seiner Einschätzung auch zum Indikator für strukturelle Schwächen sozialer Sicherungssysteme weltweit.
Geschäftsmodell: Freiwillige Trinkgelder statt Pflichtgebühren
Das Unternehmen erhebt bei Spendenaktionen lediglich die Transaktionsgebühren der Zahlungsdienstleister – in den USA 2,9 Prozent zuzüglich 30 Cent pro Transaktion. Darüber hinaus können Spender freiwillig einen zusätzlichen Beitrag an GoFundMe entrichten. Cadogan betont, das Unternehmen gehe bewusst nicht den Weg manipulativer Gestaltungsmuster, um höhere Trinkgelder zu erzielen. Im vergangenen Jahr hätten 15 bis 20 Millionen Spender nichts an GoFundMe gezahlt. Die durchschnittliche Spende an eine Spendenempfängerin oder einen Empfänger liegt nach eigenen Angaben zwischen 80 und 100 US-Dollar.
Das Unternehmen beschäftigt 850 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und nutzt nach Angaben Cadogans externe Dienstleister wie AWS und OpenAI für den Betrieb der Plattform. Seit Gründung wurden nach eigenen Angaben über 40 Milliarden US-Dollar an Hilfsleistungen über die Plattform vermittelt; im vergangenen Jahr spendeten 80 Millionen Menschen über GoFundMe.
Altadena als Beispiel
Cadogan, der selbst in Altadena lebt, schilderte die Brände vom Januar des vergangenen Jahres als konkretes Beispiel: Rund 6.000 Häuser wurden zerstört, etwa zwei Drittel der Bevölkerung musste die Stadt verlassen. Über 10.000 Familien hätten GoFundMe genutzt, um unmittelbar Unterstützung zu mobilisieren. Die Plattform sei dabei Teil einer breiteren Hilfsinfrastruktur gewesen, zu der staatliche und nichtstaatliche Organisationen gehörten.
Zwischen sozialem Auftrag und Wachstumsdruck
Die Tatsache, dass GoFundMe als gewinnorientiertes Unternehmen von Gebühren und Trinkgeldern abhängig ist, steht nach Einschätzung des Gesprächs in einem strukturellen Spannungsverhältnis zu seinem gesellschaftlichen Anspruch. Cadogan räumte ein, dass das Unternehmen Wachstumsdruck ausgesetzt ist, betont aber, sein wichtigstes Steuerungsprinzip sei die Frage, ob eine Entscheidung mehr Menschen helfe, einander zu unterstützen. Ob dieses Prinzip dauerhaft mit dem Druck eines for-profit-Unternehmens vereinbar ist, bleibt nach dem vorliegenden Gespräch eine offene Frage.
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