Virales Video aus Ceuta ist Szene aus algerischem Film von 2019
- Ein millionenfach geteiltes Video, das eine angebliche Belästigung in Ceuta zeigen soll, ist ein unveränderter Ausschnitt aus dem algerischen Spielfilm Papicha von 2019.
- Die Verbreitung des Videos folgt einem wiederkehrenden Desinformationsmuster, das decontextualisierte Bilder nutzt, um Migration mit Kriminalität zu verknüpfen.
- Die Staatsanwaltschaft Ceuta meldete bis zum 18. August bis zu 15 angezeigte Sexualdelikte seit dem Massengrenzübertritt, wobei laut Wissenschaft kein systematischer Zusammenhang
Ein Video, das auf sozialen Netzwerken rund eine Million Mal aufgerufen wurde und mehr als 31.000 Likes sowie über 9.000 Weiterleitungen erhielt, zeigt angeblich eine reale Belästigungsszene auf einer Straße in Ceuta – aufgenommen nach dem Massengrenzübertritt vom 31. Juli. Die Behauptung ist falsch. Bei den Aufnahmen handelt es sich um einen Ausschnitt aus dem algerischen Spielfilm Papicha – Träume von Freiheit aus dem Jahr 2019.
Die Herkunft der Bilder
Der Filmausschnitt entspricht den Minuten 53:32 bis 54:07 des Werks, das im Algerien der 1990er-Jahre während des Bürgerkriegs spielt und die Realität von Frauen in dieser Zeit zeigt. Kleidung und Tasche der Protagonistin, die Mützen und Trainingsanzüge der beiden Männer sowie die Treppe und die hölzerne Straßenstruktur im Hintergrund stimmen mit dem Spielfilm vollständig überein. Die kursierenden Aufnahmen sind unverändert. Bereits im Mai hatten arabischsprachige Accounts dasselbe Videomaterial ohne Zusammenhang verbreitet. Auch die spanische Faktencheckorganisation Maldita, Mitglied des internationalen Fact-Checker-Netzwerks, hat die Falschbehauptung widerlegt.
Gezieltes Narrativ gegen Migranten
Die Beiträge, in denen das Video verbreitet wurde, insinuieren einen direkten Zusammenhang zwischen Migration und sexueller Gewalt. Einer der Posts schrieb: "Stellt euch vor, das wäre eure Tochter" – und behauptete, dies sei es, was die Regierung von Pedro Sánchez "importiere". Dieses Vorgehen folgt einem wiederkehrenden Muster, das auch im Kontext der aktuellen Krise in Ceuta beobachtet wurde: Desinformation über angebliche Morde, vergiftete Katzen oder Ausschreitungen – stets mit dem Ziel, Migration mit Kriminalität zu verknüpfen, bevor eine Überprüfung der Bilder möglich ist.
Gemeldete Übergriffe und wissenschaftlicher Befund
Seit der Ankunft tausender Migranten in Ceuta Ende Juli wurden bis zum 18. August nach Angaben der dortigen Staatsanwaltschaft bis zu 15 Sexualdelikte angezeigt – eine Zahl, die je nach Quelle variiert. Die Staatsanwaltschaft teilte mit, dass die meisten Anzeigeerstatterinnen ebenfalls ausländische Staatsangehörige ohne regulären Aufenthaltsstatus seien. Eine Studie der Internationalen Organisation für Migration (IOM) hält fest, dass Migrantinnen während Migrationsprozessen besonders verschiedenen Formen von Gewalt ausgesetzt sind. Gleichzeitig gibt es nach dem aktuellen Forschungsstand keine wissenschaftliche Evidenz dafür, dass sexuelle Übergriffe systematisch mit der ausländischen Bevölkerung in Verbindung stehen. Gewalt gegen Frauen ist strukturell und unabhängig von der Nationalität der Täter. Das derartige Videomaterial dennoch gezielt eingesetzt wird, verdeutlicht das Potenzial kontextloser Bilder, Vorurteile in Krisenzeiten zu verstärken.