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Wissenschaft 4 min read 4h ago

Oktopus-Mutation und Intelligenz

  • Forscher fanden in Flachwasser-Oktopussen eine rRNA-Mutation, die ribosomale Proteinherstellung mit rund doppelter Genauigkeit ermöglicht und bislang in keinem anderen Tier
  • Die Mutation trat bei allen fünf untersuchten Incirrata-Arten auf, fehlte jedoch bei einem Tiefsee-Cirrata sowie bei Tintenfischen, was auf eine evolutionäre Verbindung zum
  • Die Studienautoren vermuten, dass die Erkenntnisse Ansätze für Therapien gegen neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer liefern könnten, direkter Beweis steht jedoch noch aus.
Oktopus-Mutation und Intelligenz
Oktopus-Mutation und Intelligenz

Forscher haben in bestimmten Oktopus-Arten eine bislang in keinem anderen Tier beobachtete Mutation in der ribosomalen RNA (rRNA) entdeckt. Die am 17. August 2026 im Fachjournal Current Biology veröffentlichte Studie zeigt, dass diese Variation nur bei jenen Tintenfischarten vorkommt, die über ein erweitertes Nervensystem verfügen und komplexe Verhaltensweisen zeigen. Einen direkten Beweis für einen kausalen Zusammenhang zwischen Mutation und Intelligenz gibt es nach aktuellem Stand jedoch nicht.

Ein Zufallsfund im Labor

Entdeckt wurde die Besonderheit vor etwa fünf Jahren durch Zufall: Richard Han, damals Doktorand an der Harvard Medical School, untersuchte rRNA-Moleküle in Gewebeproben des Kalifornischen Zweipunkt-Oktopus. Diese Moleküle bilden das dreidimensionale Gerüst der Ribosomen – jener zellulären Proteinfabriken, die für die Herstellung nahezu aller körpereigenen Proteine verantwortlich sind. Han fiel auf, dass ein rRNA-Fragment, das bei anderen Tieren als einheitliche Sequenz vorliegt, beim Oktopus in zwei Teile aufgespalten war. Das Team vermutete zunächst einen Fehler bei der RNA-Extraktion, wie Mitautor Nicholas Bellono, Molekularbiologe an der Harvard-Universität, gegenüber dem Wissenschaftsmagazin Science einräumte.

Verdoppelte Genauigkeit in Experimenten

Weiterführende Versuche bestätigten jedoch, dass es sich um ein echtes biologisches Merkmal handelt. Als dieselbe Unterbrechung künstlich in die Ribosomen des Bakteriums Escherichia coli eingebaut wurde, produzierten die so veränderten Zellen Proteine mit rund doppelt so hoher Genauigkeit wie zuvor. Protein-Fehlfaltungen – die bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson eine zentrale Rolle spielen – könnten durch diesen Mechanismus reduziert werden.

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Nur bei Flachwasser-Arten

Um den evolutionären Ursprung der Mutation zu bestimmen, verglichen die Wissenschaftler zwei Oktopus-Gruppen, die sich vor mehr als 100 Millionen Jahren getrennt haben: Incirrata, also küstennahe Tiere mit ausgeprägtem Nervensystem und komplexem Verhalten, sowie Cirrata, Tiefsee-Oktopusse mit einfacheren Nervensystemen, die auf langsames Schwimmen und passive Nahrungsaufnahme ausgelegt sind. Bei allen fünf untersuchten Incirrata-Arten war die rRNA-Lücke vorhanden; ein untersuchter Cirrata – ein sogenannter Dumbo-Oktopus – wies sie nicht auf. Auch Tintenfische, die sich vor rund 300 Millionen Jahren von Oktopussen abzweigten, zeigten die Mutation nicht.

Mögliche Verbindung zur Gehirnevolution – aber noch offene Fragen

Mitautor Rishav Mitra äußerte gegenüber Scientific American, die rRNA-Unterbrechung könne dazu beitragen, dass Neuronen langfristig zuverlässig funktionieren – Nervenzellen seien besonders langlebig, weshalb fehlerhafte Proteine für sie besonders schädlich seien. Mitautorin Amy Lee, Zellbiologin an der Harvard-Universität, erklärte in einer Stellungnahme, die Entdeckung zeige, dass das Ribosom – eines der am stärksten konservierten Moleküle des Lebens – evolutionäre Veränderungen mit funktionalen Konsequenzen durchlaufen könne. Joshua Rosenthal vom Marine Biological Laboratory, der nicht an der Studie beteiligt war, bezeichnete den Fund als "extrem interessant", betonte jedoch, weitere Forschung sei nötig, um zu belegen, ob die rRNA-Veränderung tatsächlich die Entwicklung komplexer Gehirne und Verhaltensweisen angetrieben habe.

Lee gab an, sie hoffe, dass es künftig möglich sein werde, Wirkstoffe zu entwickeln, die die Oktopus-Mutation nachahmen, um in menschlichen Zellen eine präzisere Proteinherstellung zu erzielen – ein möglicher Ansatz für die Behandlung neurodegenerativer Erkrankungen. Diese Perspektive bleibt nach aktuellem Stand spekulativ.

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