Kultur und Kunst Analyse
Aura-Farmeo: KI als primitiver Schutzengel und jugendkulturelles Ritual
Der spanische Schriftsteller Agustín Fernández Mallo veröffentlicht bei Galaxia Gutenberg das Essay "El ángel de la inteligencia artificial", das aktuelle KI als performative Begleiterin beschreibt – und das jugendliche Phänomen des Aura-Farmeos kulturhistorisch einbettet.
Verfasst von Thomas Richter
(vor 6 Std.)

Was ist passiert?
Agustín Fernández Mallo hat bei Galaxia Gutenberg das Essay "El ángel de la inteligencia artificial" veröffentlicht, das aktuelle KI als primitive, performative Begleiterin und Schutzengel beschreibt.
Warum es wichtig ist
Fernández Mallo argumentiert, dass eine Singularisierung der KI, die ihr menschliche Aura verleihen würde, zwar denkbar, aber nach seiner Analyse faktisch unmöglich ist.
Schon in der klassischen Mythologie umgab das Konzept der Aura das Außergewöhnliche: Nymphen, Heiligenscheine, die Strahlkraft von Künstlern. Charles Baudelaire schrieb im 19. Jahrhundert über den Verlust der Aureole der Dichter; Walter Benjamin übertrug die Krise Jahrzehnte später auf die Kunstwerke selbst. Hollywood, Rock und Fußball monopolisierten die Aura, bis das Internet – so die Formulierung im Ausgangstext – sie als eine Art dezentraler Robin Hood von den Reichen stahl und in Influencer-Kultur verwandelte.
Agustín Fernández Mallo knüpft an diese Denkgeschichte an. In seinem neuen Essay "El ángel de la inteligencia artificial" (Galaxia Gutenberg) – einer Verbindung aus Philosophie, Wissenschaft, Metaphysik, Anthropologie und Prosalyrik – beschreibt er die gegenwärtige KI als etwas Primitives, eine performative Begleiterin, die sich wie ein Schutzengel denken lässt. Eine Singularisierung der KI, die ihr menschliche Aura gleichsam rauben würde wie einst Prometheus das Feuer, hält Fernández Mallo für theoretisch denkbar, aber tatsächlich für unmöglich – und argumentiert diese Position im Essay ausführlich.
Farmeo als Trauerritual
Parallel zu Fernández Mallos Buchthese entfaltet der Artikel eine kulturelle Beobachtung: Kinder und Jugendliche "farmeen" Aura heute auf Schulhöfen – ein Begriff, der vom englischen farm (Landwirtschaft, also: kultivieren) abgeleitet ist. Dieses Ritual verbindet Manga- und Anime-Gestik mit Codes aus Rap und Basketball sowie dem gesamten Vokabular der Viralität. Der Artikel liest dieses Phänomen als mögliches Trauerritual für ein Internet, das die jüngste Generation selbst nie erlebt hat: eine verwirrende Mythologie, eine tote Sprache, die neu übersetzt und verkörpert werden muss.
Fernández Mallo selbst schreibt: "Die Seite war immer das perfekte Rechteck aus Licht, aber Licht, das erst dann ausgesandt wird, wenn ihre Materialität sich mit den gedruckten Buchstaben vervollständigt." Inmitten der Krise der sozialen Netzwerke und der KI-Explosion sieht der Artikel im Aura-Farmeo letztlich einen Impuls, der älter ist als jede Plattform: den Antrieb, Außergewöhnlichkeit zu kultivieren – weil, so das abschließende Argument, kein Mensch ohne sie auskommt.
Themen
Personen
Organisationen
Quelle: La Vanguardia